Argumentatio I (Cic. Manil. 6-19)

 

Seiner Art nach ist der Krieg so beschaffen, dass er eure Gemüter ganz besonders zu der Bemühung, den Krieg siegreich zu Ende zu führen, anreizen muss. Bei ihm geht es um den Ruhm des römischen Volkes, der euch von den Vorfahren einerseits in großem Maße in allen Dingen, andererseits aber in sehr großem Maße im Kriegswesen überliefert worden ist. Es geht um das Wohlergehen der Bundesgenossen und Freunde, für das eure Vorfahren viele große und schwere Kriege geführt haben. Es geht um die sichersten Steuergelder des römischen Volkes und die größten, nach deren Verlust ihr sowohl Mittel zur Befriedigung der Staatsbedürfnisse als auch Hilfsgelder für den Krieg vermisst. Es geht um die Güter vieler Bürger, für die ihr sowohl wegen ihrer selbst als auch des Staates wegen sorgen müsst.

Und da ihr ja immer mehr Ruhm als die anderen Völker haben wolltet und begierig nach Lob wart, müsst ihr jenen im ersten Krieg mit Mithridates erlittenen Schandfleck entfernen, der sich bereits tief gesetzt und sich allzu sehr in den Namen des römischen Volkes eingefressen hat, weil dieser [Mithridates], der an einem einzigen Tag in ganz Asien in so vielen Städten mit einem Boten und einem Wink an Briefen angekündigt hat, dass römische Bürger getötet und grausam abgeschlachtet werden sollen, nicht nur bis jetzt keine seinem Verbrechen würdige Strafe erhalten hat, sondern seit jener Zeit bereits das dreiundzwanzigste Jahr weiterregiert und zwar so, dass er sich nicht in Pons und nicht in den Schlupflöchern Kappadokiens verbergen, sondern aus dem heimatlichen Reich hervorkommen und sich in euren Steuerbezirken, das ist im Licht von Asia, aufhalten will.

Bisher nämlich haben unsere Feldherren mit jenem König so gekämpft, dass sie von jenem zwar Siegeszeichen, aber keinen Sieg zurückbrachten. L. Sulla hat über Mithridates gesiegt, L. Murena hat über Mithridates gesiegt, zwei sehr tapfere und sehr hervorragende Feldherren, aber sie siegten so, dass jener völlig geschlagen weiterregiert. Aber dennoch muss jenen Feldherren Lob zuteil werden, weil sie gehandelt haben, und verziehen werden, dass sie etwas übrig gelassen haben, deswegen, weil der Staat Sulla von diesem Krieg nach Italien zurückgerufen hat und den Murena Sulla.

Mithridates aber verwendete die ganze übrige Zeit nicht zum Vergessen des alten Krieges, sondern zur Vorbereitung eines neuen. Er eben schickte später, als er sehr große Flotten gebaut und ausgerüstet sowie überaus große Herre, aus welchen Völkern auch immer er konnte, zusammengesetellt hatte und vorgab, dass er mit den Bosphoranern, seinen Nachbarn, einen Krieg beginne, Gesandte und Briefe zu den Führern, mit denen wir damals Krieg führten, damit, wenn an zwei völlig verschiedenen entgegengesetzten Orten nach einem Plan von zwei Truppen der Feinde zu Land und zur See Krieg geführt wird, ihr durch den Kampf nach zwei Richtungen hin in Anspruch genommen um den Oberbefehl streitet.

Trotzdem aber wurde die Gefahr auf der einen Seite, nämlich bei Sertorius in Spanien, die viel mehr an äußerer und innerer Kraft hatte, durch den unvergleichlichen beschluss und die einzigartige Tapferkeit des Cn. Pompeius vertrieben. Auf der anderen Seite wurde der Krieg von L. Lucullus, einem hervorragenden Mann, so geführt, dass offenbar die großen und großartigen Erfolge nicht dessen Glück, sondern seiner Tapferkeit und diese letzten Ereignisse nicht seiner Schuld, sondern dem Schicksal zuzuschreiben sind. Aber über Lucullus werde ich an anderer Stelle sprechen und ich werde so über ihn sprechen, Quiriten, dass ihm weder verdientes Lob durch meine Rede aberkannt, noch Falsches angedichtet wird.
(...)
Was ist damit, dass das Wohlergehen der Bundesgenpssen in größte Gefahr gerät, welche Einstellung müsst ihr eigentlich dazu haben? Der König Ariobarzan, ein Bundesgenosse und Freund des römischen Volkes, ist aus seinem Reich vertrieben worden. Es bedrohen zwei Könige ganz Asien, die nicht nur euch, sondern auch euren Bundesgenossen und Freunden sehr feindlich gesinnt sind. Alle Städte aber in ganz Asien und Griechenland sind gezwungen, wegen der Größe der Gefahr, auf eure Hilfe zu warten. Sie wagen es weder, einen ganz bestimmten Feldherren von euch zu verlangen, besonders weil ihr einen anderen geschickt habt, noch glauben sie, dass sie das ohne höchste Gefahr tun können.

Sie sehen und meinen nämlich das selbe wie wir, dass es einen Mann gibt, der alle Eigenschaften in höchstem Grad besitzt, und dass eben dieser nahe ist, weshalb sie ihn umso schmerzlicher vermissen. Schon durch dessen Ankunft und durch dessen Namen, obgleich jener zum Seeräuberkrieg gekommen ist, bemerken sie dennoch, dass die Angriffe der Feinde zurückgedrängt und verlangsamt worden sind. Diese bitten euch schweigend darum, da es ja nicht gestattet ist, Bitten offen auszusprechen, dass ihr sie auch wie die Bundesgenossen der übrigen Provinzen würdig einschätzt, sodass ihr für deren Wohlergehen einen solchen Mann empfehlt. Und darum bitten sie auch [noch] mehr, weil wir übrige Menschen dieser Art mit dem militärischen Oberbefehl in die Provinz schicken, sodass, auch wenn sie vor dem Feind Schutz gewähren, sich dennoch deren Ankunft selbst in Städten der Bundesgenossen nicht viel von einer feindlichen Eroberung unterscheidet. Sie hörten vorher von ihm, jetzt sehen sie mit eigenen Augen, dass jener von so viel Selbstbeherrschung, von so viel Milder und so viel Menschlichkeit ist, dass diejenigen am glücklichsten zu sein scheinen, bei denen jener am längsten verweilt.

Deshalb, wenn unserer Vorfahren wegen der Bundesgenossen durch kein Unrecht selbst gereizt mit Antiochus, Phillipus, Aetolus und Poenus Kriege geführt haben, wie viel Bemühung geziemt es sich, dass ihr durch Unrechte gereizt das Wohlergehen der Bundesgenossen zugleich mit der Würde eures Herrschaftsgebietes verteidigt, vor allem, wenn es um eure größten Steuereinkünfte geht? Die Steuereinkünfte der übrigen Provinzen sind nämlich nur so groß, dass wir kaum zufrieden sein können, diese Provinzen selbst zu schützen. Asien aber ist so reich und fruchtbar, dass es wohl leicht alle Länder sowohl an der Fruchtbarkeit der Äcker als auch an der Verschiedenheit der Früchte als auch an der Größe des Weidelandes und der Menge derjenigen Dinge, die exportiert werden, übertrifft. Deshalb muss diese Provinz von euch, Quiriten, wenn ihr den Nutzen für den krieg sowie eine würdige Ausstattung nicht verlieren wollt, nicht nur vor einem Unglück, sondern auch vor der Furcht vor einem Unglück verteidigt werden.

Dann erleidet sie schaden, wenn nämlich ein Unglück in den übrigen Dingen eingetreten ist. Aber bei den Steuereinkünften bringt nicht nur die Ankunft des Schlechten ein Unglück, sondern auch schon die Furcht davor, Denn immer dann, wenn die Truppen der Feinde nicht weit weg sind, auch wenn kein Einfall geschehen ist, wird das Vieh trotzdem zurückgelassen und die Bewirtschaftung des Ackers eingestellt und die Schifffahrt der Händler gerät ins Stocken. So kann die Steuer weder aus dem Hafen noch aus dem Zehnten noch aus den Handelsdokumenten sicher eingebracht werden. Deshalb geht oft der Ertrag eines ganzen Jahres durch das eine Gerücht von Gefahr und der einen Furcht vor Krieg verloren.

Wie aber meint ihr ebenda, dass es denen zumute ist, die Steuern zahlen, oder denen, die sie verwalten und eintreiben, wenn zwei Könige mit sehr großen Truppen in der Nähe sind, wenn ein einziger Einfall der Reiterei in kürzester Zeit die Steuer eines ganzen Jahres rauben kann, wenn Steuerpächter glauben, dass sie das überaus große Dienstpersonal, das sie in den Salinen, auf den Feldern, in den Häfen und als Wachposten haben, in großer Gefahr halten? Glaubt ihr etwa jene Dinge [d.h. die Steuereinkünfte] nutzen zu können, wenn ihr nicht sicher gestellt habt, dass diejenigen, die euch zum Gewinn verholfen haben, nicht nur, wie ich zuvor gesagt habe, vom Unglück, sondern auch von der Furcht vor einem Unglück befreit worden sind?

Und von euch darf auch nicht jene Sache vernachlässigt werden, die ich mir als letzten Punkt vorgenommen hatte, als ich über den Ursprung des Krieges sprechen wollte, und die sich auf die Güter der vielen römischen Bürger bezieht. Darauf müsst ihr gemäß eurer Weisheit, Quiriten, sorgfältig Rücksicht nehmen. Einerseits stecken nämlich die Steuerpächter, hochachtbare und sehr angesehene Männer, ihre Spekulationen und Gelder in jene Provinz. Deren Vermögensverhältnisse müssen euch im eigenen Interesse Sorgen sein. Wenn wir nämlich immer geglaubt haben, dass die Steuereinkünfte Nerven des Staates sind, werden wir sicherlich sagen, dass dieser Stand, der jene verwaltet, zurecht die Stütze der übrigen Stände ist.

Andererseits betreiben tätige und zum Teil selbst fleißige Menschen aus den übrigen Ständen Geschäfte in Asia, für die ihr in ihrer Abwesenheit sorgen müsst. Ei Teil von ihnen hat in dieser Provinz große Geldsummen angelegt. Es ist also eine Menschenpflicht, die große Anzahl dieser Bürger an einem Unglück zu hindern. Es ist die Pflicht eures Verstandes zu erkennen, dass das Unglück vieler Bürger nicht von einem Unglück des Staates getrennt werden kann. Der erste Einwurf nämlich, dass ihr von den Steuerpächtern später die verlorenen Steuereinkünfte durch einen Sieg wiedererlangt, hat wenig zu bedeuten. Denn weder werden dieselben wegen des Unglücks die Möglichkeit haben, Steuern zu pachten, noch werden andere die Lust dazu haben wegen der Furcht.

Dann werden wir sicherlich gerade das, was uns gerade dieses Asien und dieser Mithridates eben mit dem Beginn des asiatischen Krieges gelehrt hat, belehrt durch das Unglück im Gedächtnis behalten müssen. Dann dann, wenn überaus viele in Asien große Geldsummen verloren haben, wissen wir, dass der Kredit durch die eingestellte Zahlung in Rom gesunken ist. Es können nämlich nicht viele in ein und der selben Stadt das ganze Vermögen verlieren, ohne mehr mit sich in das selbe Unglück zu ziehen, Beschützt den Staat vor dieser Gefahr und glaubt mir das, was ihr selbst seht: Dieser unser Kredit und das Geldgeschäft, das sich in Rom, das sich auf dem Forum abspielt, steht in engster Verflechtung mit jenen in Asia angelegten Geldern. Jene [Geldverhältnisse] können nicht zusammenbrechen, ohne dass sie hier durch die selbe Erschütterung ins Wanken gebracht einstürzen. Deshalb seht, ob ihr Bedenken tragen dürft, euch diesem Krieg mit aller Bemühung zu widmen, in dem der Ruhm eures Namens, das Wohlergehen der Bundesgenossen, sehr große Steuereinkünfte und das Hab und Gut sehr vieler Bürger verbunden mit dem Interesse des Staates verteidigt werden.

 


2015-12-11 22:24:10