Der rechte Weg zum Glücklichsein (Sen. ep. 98, 1-7)

Halte niemals irgendjemanden für glücklich, der vom Glück abhängig ist. Wer durch etwas Äußerliches fröhlich ist, stützt sich auf Zerbrechliches. Die Freude, die eingetreten ist, wird austreten. Aber jene, die aus ihm heraus entstanden ist, ist sicher und fest und wächst und geleitet bis zur letzten Stunde. Die übrigen Dinge, deren Bewunderung beim Volk liegt, sind nur für einen Tag gut. – „Was also? Können sie nicht dem Nutzen und dem Vergnügen dienen?“ – Wer verneint das? Aber nur unter der Bedingung, dass jene von uns abhängen, nicht wir von jenen.

Alle Dinge, die das Schicksal im Auge haben, werden so einträglich und angenehm, wenn derjenige, der jene hat, auch sich hat und nicht in der Macht seiner eigenen Dinge ist. Es irren nämlich diejenigen, Lucilius, die glauben, dass uns das Schicksal entweder etwas Gutes oder etwas Schlechtes zuteilt. Es gibt uns den Urstoff der guten und schlechten Dinge und die Anfänge der Dinge, die sich bei uns zum Schlechten oder zum Guten wenden. Stärker nämlich als jedes Schicksal ist der Geist: Auf beiden Seiten führt er seine eigenen Sachen und ist sich selbst der Grund für ein glückliches sowie ein armes Leben.

Ein schlechter Mensch wendet alle Dinge zum Schlechten, auch solche, die mit dem Schein des Besten gekommen waren: Ein rechter und unverdorbener Mensch richtet die schiefen Dinge des Schicksals gerade und mildert sie durch das Wissen, Hartes und Raues zu ertragen, und derselbe nimmt sowohl Glückliches dankbar und besonnen als auch Gegenteiliges standhaft und tapfer auf. Obgleich dieser klug ist, obgleich er alles mit sorgfältigem Urteil tut, obgleich er nichts jenseits seiner Kräfte versucht: Jenem wird nicht jenes reine und außerhalb der Drohungen des Schicksals gelegene Gute gelingen, wenn er nicht sicher gegenüber den unsicheren Dingen ist.

Sei es dass du andere beobachten willst (denn unbefangener ist das Urteil in fremden Angelegenheiten) oder dich selbst nach weggelassener Voreingenommenheit: Du wirst sowohl einsehen als auch eingestehen, dass keines der wünschenswerten und lieben Dinge nützlich ist, wenn du dich nicht gegen die Unbeständigkeit des Zufalls und gegen den Zufall von Nachfolgendem gewappnet hast, wenn du nicht häufig und ohne Klage inmitten der einzelnen Rückschläge gesagt hast: Den Göttern erschien es anders.

Bei Herkules (um einen starken Spruch zu suchen, durch den du deine Seele stützen sollst), sage ganz im Gegenteil Folgendes, sooft sich irgendetwas anderes ereignet als du dachtest: Besser [handelten] die Götter. So wird einem, der gelassen ist, nichts zustoßen. So aber wird er auf etwas gefasst gemacht, wenn er überlegt, wozu die Mannigfaltigkeit menschlicher Dinge im Stande ist, bevor er es fühlt; wenn er so im Besitz von sowohl Kindern als auch einer Gattin als auch einem väterlichen Vermögen ist wie einer, der nicht zwingend immer in Besitz davon ist, und wie einer, der deshalb nicht ärmlicher sein wird, wenn er aufgehört hat zu besitzen.

Unglücklich ist ein vor der Zukunft ängstlicher und vor dem Leid kläglicher Geist, der beunruhigt darüber ist, ob das, an dem er sich erfreut, bis zum Ende bleibt. Zu keiner Zeit nämlich wird er zur Ruhe kommen und [stattdessen] im Erwarten der Zukunft das Gegenwärtige, an dem er sich erfreuen konnte, verlieren. Auf gleicher Stufe steht der Schmerz über eine verlorene Sache und die Furcht vor dem Verlieren.

Und deshalb verordne ich dir keine Nachlässigkeit: Meide du gewiss, was zu fürchten ist! Was auch immer durch Überlegung vorhergesehen werden kann, das sehe du vorher! Was auch immer kränkend sein wird, spähe es aus und wende es ab, viel früher als es geschieht! Dazu selbst wird dir am meisten die Zuversicht und ein auf das Ertragen von allem fixiertes Gemüt beitragen. Es kann sich derjenige vor dem Schicksal vorsehen, der es ertragen kann. Gewiss herrscht auf stiller See keine Unruhe. Es gibt nichts Ärmlicheres oder Dümmeres, als sich vorher zu fürchten. Was ist das für eine Torheit, seinem Übel vorauszugehen?


2015-12-25 17:38:09