Der Vesuvausbruch und das Ende von Plinius dem Älteren (Plin. epist. VI, 16, 1-20)

Plinius grüßt seinen Tacitus.

Du bittest darum, dass ich vom Tod meines Onkels schreibe, damit du ihn umso wahrheitsgetreuer den Nachkommen überliefern kannst. Ich danke dir, denn ich sehe, dass seinem Tod, wenn er von dir gefeiert wird, unsterblicher Ruhm in Aussicht gestellt ist. Auch wenn er nämlich bei der Vernichtung sehr schöner Erdendinge wie Völker und Städte gleichsam bei einem denkwürdigen Fall umgekommen ist, um zu leben; auch wenn er selbst sehr viele und beständige Werke erschaffen hat, wird dennoch seinem Fortleben die Unvergänglichkeit deiner Schriften sehr hinzufügen. Ich freilich halte die für glücklich, denen es durch ein Geschenk der Götter zuteil geworden ist, entweder Dinge, die schriftlich festzuhalten sind, zu machen oder Lesenswertes zu schreiben, aber ich halte diejenigen für am glücklichsten, denen beides zuteil geworden ist. Bei deren Anzahl wird es meinen Onkel durch sowohl seine als auch deine Bücher geben. Umso lieber nehme ich auf mich und bitte mich auch dringen darum, was du mir auferlegst.

(…) Jener hatte ein Sonnenbad, bald im kalten Wasser, genommen und etwas liegend gegessen und studierte. Er fordert seine Sandalen und besteigt eine Stelle, von der man jenes Wunder sehr gut sehen konnte. Eine Wolke erhob sich – für ferne Betrachter unsicher, von welchem Berg (es ist später bekannt geworden, dass es der Vesuv war) –, dessen Ähnlichkeit und Form kein anderer Baum mehr als eine Pinie verdeutlicht. Denn wie durch einen sehr langen Stamm emporgehoben breitete sie sich in die Höhe mit einigen Ästen aus, ich glaube, weil sie durch einen kräftigen Luftstrom emporgetrieben wurde. Als er dann nachließ, zerfloss sie hierauf in die Breite, da sie dadurch den Auftrieb verloren hatte oder auch von ihrem eigenen Gewicht besiegt worden war, manchmal weiß, manchmal unrein und beschmutzt, je nachdem ob sie Erde oder Asche mit sich gerissen hatte.

Da er [Plinius der Ältere] ein gebildeter Mann war, erschien es [das Naturschauspiel] ihm großartig und näher kennenlernenswert. Er befiehlt, einen Schnellsegler bereit zu machen. Mir gab er die Möglichkeit mitzukommen, wenn ich wollte. Ich antwortete ihm, dass ich lieber studieren wolle, und er selbst hatte zufällig mir aufgegeben, was ich schreiben sollte. (…) Er bringt Vierruderer zu Wasser und besteigt sie selbst, nicht nur um Retina, sondern auch vielen anderen Hilfe zu bringen (die liebliche Küstenlandschaft war nämlich dicht besiegelt). Er eilt dorthin, woher die anderen fliehen und hält geraden Kurs, die Steuerruder gerade in die Gefahr, so sehr von Furcht gelöst, dass er alle Bewegungen jenes Übels und alle seine Gestalten, wie er sie mit den Augen erfasst hatte, diktierte und aufschreiben ließ.

Bereits fiel Asche auf die Schiffe, wärmer und dichter, je näher sie kamen. Bereits taten dies auch Bimssteine und schwarze, durch Feuer verbrannte und zerbrochene Steine. Bereits tat sich eine Untiefe auf und die Küsten waren durch den Sturz des Berges unzugänglich. (..) Er war in Stabius, getrennt davon durch eine dazwischen liegende Bucht (allmählich fließt nämlich das Meer an die bogenförmig gekrümmte Küste heran). Dort hatte er, obwohl die Gefahr sich noch nicht näherte, dennoch sichtbar und, da sie wuchs, sehr nahe war, sein Gepäck zu den Schiffen gebracht, entschlossen zur Flucht, wenn der Gegenwind sich gelegt hätte. (…) Dann gab er sich der Ruhe hin und ruhte freilich in tiefstem Schlaf, denn sein Atemholen, das bei jenem aufgrund der Geräumigkeit seines Körpers ziemlich schwer und laut ausfiel, wurde von denjenigen, sie sich vor der Schwelle aufhielten, gehört. Der Hof aber, von dem aus der Wohnraum betreten wurde, hatte sich so bereits erhoben, da er von Asche und gemischten Lavabrocken angefüllt war, sodass der Ausgang versperrt wird, wenn der Aufenthalt im Zimmer länger dauert. Nachdem er erwacht war, kam er heraus und kehrte zu Pomponianus und den übrigen zurück, die wach geblieben waren. Gemeinsam überlegten sie, ob sie im Inneren der Häuser verharren oder sich im Freien aufhalten sollten Denn durch wiederholte und unermesslich große Beben schwankten die Häuser und wie aus ihren Verankerungen gerissen schienen sie bald hierher, bald dorthin hin und her zu schwanken. Unter dem freien Himmel fürchtete man sich wieder freilich den Sturz von leichten und ausgehöhlten Lavabrocken, was dennoch ein Vergleich der Gefahren auswählte. Und bei jenem [Plinius der Ältere] besiegte freilich Vernunft die Vernunft, bei den anderen Furcht die Furcht. Den Köpfen aufgelegte Kopfkissen binden sie mit Leinentüchern fest. Dies war der Schutz gegen herabfallende Gegenstände. (…) Während sie dort auf einem ausgebreitetem Leinentuch ruhten, forderte er einmal und wiederum kaltes Wasser und trank. Dann schlugen Flammen und ein Vorbote der Flammen, der Geruch des Schwefels, die anderen in die Flucht und weckten jenen. Sich auf zwei junge Klaven stützend erhob er sich und brach sofort zusammen, wie ich vermute, aufgrund des durch den dichten Qualm versperrten Atems und der geschlossenen Luftröhre, die bei jenem von Natur aus schwach, eng und häufig dürstend war. Sobald es wieder Tag wurde (dies war der dritte seit dem, den er zuletzt gesehen hatte), wurde der Körper gefunden, unversehrt, unverletzt und bedeckt, bekleidet wie er angezogen war. Die äußere Gestalt seines Körpers war mehr einem Schlafenden als einem Verstorbenen ähnlich.


2015-12-11 18:07:01