Was ist Weisheit? (Sen. ep. 20, 1-6)

Wenn du gesund bist und dich für würdig hältst, dass du irgendwann dein wirst, freue ich mich: Denn es wird mein Ruhm sein, wenn ich dich von dort, wo du ohne Hoffnung auf Entkommen in den Wellen treibst, befreit habe. Um jenes aber, mein Lucilius, bitte und ermahne ich dich, dass du die Philosophie ins innerste Gemüt sinken lässt und den Beweis für deinen Fortschritt nicht durch Rede oder Geschriebenes erfasst, sondern durch die Stärke des Geistes und einer Verkleinerung der Begierden: Beweise die Worte durch Taten!

Den einen Vorsatz haben die, die Übungsreden halten und den Beifall der Menschenmenge erstreben, einen anderen die, die die Ohren Junger und Untätiger mit einer verschiedenartigen und redegewandten Diskussion in Beschlag nehmen. Die Philosophie lehrt zu handeln, nicht zu reden, und dies fordert sie, dass jeder nach seinem Gesetz lebt, damit das Leben nicht der Äußerung widerspricht oder das Leben selbst sich selbst. Dies ist sowohl die größte Pflicht als auch das größte Anzeichen von Weisheit, dass die Taten mit den Worten übereinstimmen, damit [der Weise] selbst überall sich gleich und der selbe ist. - „Wer wird dies leisten?“ - Wenige, irgendwelche dennoch. Dies ist nämlich eine schwierige Sache; und dies sage ich nicht, dass ein Weiser immer in einem einzigen Tempo gehen wird, aber auf einem einzigen Weg.

Deshalb beobachte dich, ob deine Kleidung und dein Haus sich widersprechen, ob du gegenüber dir großzügig, gegenüber deinen [Leuten] geizig bist, ob du sparsam isst, [aber] großzügig baust. Nimm einmal eine Regel, nach der du lebst, und gleiche dein ganzes Leben an diese an. Gewisse beschränken sich zu Hause, breiten und dehnen sich [aber] draußen aus: Diese Verschiedenheit ist ein Fehler und Zeichen für einen Geist, der schwankt und noch nicht seine Eigenart besitzt.

Auch jetzt werde ich sagen, woher diese Unbeständigkeit und Verschiedenheit von Taten und Plänen rührt: Niemand nimmt sich vor, was er will, und wenn er es sich vorgenommen hat, verharrt er nicht dabei, sondern springt hinüber. Und er verändert das nicht nur, sondern geht zurück und fällt erneut in das zurück, was er verlassen und verurteilt hat.

Um deshalb die alten Definitionen der Weisheit zu verlassen und die ganze Art und Weise des menschlichen Lebens zu umfassen, kann ich damit zufrieden sein: Was ist Weisheit? Immer dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen. Du brauchst nicht jene kleine Einschränkung anfügen, dass es das Richtige sei, was du willst. Denn es kann niemandem immer dasselbe gefallen, wenn es nicht das Richtige ist.

Die Menschen wissen also nicht, was sie wollen, außer in jenem Moment, in dem sie es wollen. Im Ganzen ist es der Beschluss keiner Person, etwas zu wollen oder nicht zu wollen. Täglich wird das Urteil verändert und ins Gegenteil gewendet und das Leben wird von den meisten zum Zeitvertreib geführt. Betreibe also energisch, was du begonnen hast, und du wirst vielleicht entweder zum Höchsten geführt werden oder dorthin, von dem du allein erkennst, dass es noch nicht das Höchste ist.


2015-12-24 17:59:27