Wie sieht wahre Freude aus? (Sen. ep. 23, 1-8)

Du glaubst, ich werde dir schreiben, wie menschlich der Winter mit uns verlaufen ist, der mild und auch kurz war, wie unfruchtbar der Frühling ist, wie unpassend zur Jahreszeit die Kälte ist und anderen Unsinn derer, die nach Worten suchen? Ich aber werde dir etwas schreiben, was sowohl mir als auch dir nützen kann. Was wird dies aber sein, wenn nicht dass ich dich zu einer guten Gesinnung ermuntere?

Du fragst, was die Grundlage dessen sei? Dass du dich nicht über Nichtiges freust. Ich habe gesagt, dass dies die Grundlage ist; es ist der Gipfel. Zum Höchsten gelangt derjenige, der weiß, worüber er sich freut, der sein Glück nicht in fremde Macht gelegt hat. Beunruhigt und seiner selbst unschlüssig ist derjenige, den irgendeine Hoffnung lockt, mag sie auch leicht an der Hand, mag sie auch leicht erreichbar sein, mag das Erhoffte ihn auch niemals betrogen haben.

Tu dies allen Dingen voran, mein Lucilius: Lerne, dich zu freuen! Glaubst du jetzt, dass ich dir viel Vergnügen nehme, der ich Geschenke des Schicksals wegschaffe, der ich glaube, dass Hoffnungen, die süßesten Mittel zur Wonne, gemieden werden müssen? Im Gegenteil ja will ich nicht, dass dir jemals Freude fehlt. Ich will, dass dir jene zu Hause entsteht; sie entsteht, wenn sie bald innerhalb von dir selbst geschieht. Übrige Heiterkeiten erfüllen nicht die Brust, entspannen nur die Miene und sind oberflächlich, wenn du nicht zufällig der Meinung bist, dass der, der lacht, sich auch freut. Der Geist muss freudig, voll Vertrauen und über alle Dinge erhoben sein.

Glaub mir, wahre Freude ist eine strenge Sache. Glaubst du etwa, dass irgendjemand mit losgelöster und, wie diese feinen Leute sagen, mit heiterer Miene den Tod geringschätzt, das Haus der Armut zugänglich macht, die Vergnügen im Zaum hält und sich auf das Erleiden von Schmerzen vorbereitet? Wer dies bei sich bedenkt, ist in großer Freude, aber zu wenig in reizender Freude. Ich will, dass du im Besitz dieser Freude bist; sie wird niemals schwinden, wenn du sie einmal gefunden hast, woher sie erstrebt wird.

Der Abbau von geringwertigen Metallen findet am weitesten oben statt. Am wertvollsten sind jene, deren Ader in der Tiefe verborgen liegt, die reichlicher sich dem erschließt, der fleißig gräbt. Die Dinge, durch welche das Volk erfreut wird, haben ein schwaches und oberflächliches Vergnügen, und was auch immer keine von Herzen kommende Freude ist, hat keine Grundlage. Das, worüber ich spreche und zu was ich dich bringen will, ist stabil und etwas, was sich mehr nach innen zu erstreckt.

Mach, ich bitte dich, liebster Lucilius, was einem einzigen gewähren kann, glücklich zu sein. Vereitele und missachte das, was nur äußerlich strahlt, was dir aus der einen oder anderen Angelegenheit heraus versprochen wird. Betrachte das wahre Gute und erfreue dich deiner! Was meint dieses „deiner“ aber? Dich selbst und deinen besten Teil. Glaube mir, dass auch ein nichtiger Körper, wenn auch nichts ohne ihn geschehen kann, mehr eine notwendige als eine große Sache ist.

Du fragst, was dies [das wahre Gute] sei oder woher es komme? Ich werde es dir sagen: aus gutem Gewissen, aus ehrenhaften Plänen, aus rechten Taten, aus der Geringschätzung von Zufälligem, aus einem friedlichen und fortlaufendem Gang des Lebens, das nur einen einzigen Weg beschreitet. Denn wie können jene, die von den einen in Aussicht gestellten Dingen auf andere hinüberspringen oder nicht einmal hinüberspringen, sondern sich aus einem gewissen Grund hinüberbringen lassen, irgendetwas Sicheres oder etwas, was bleiben wird, besitzen, wenn sie schwanken und umherschweifen?

Es gibt nur wenige, die mittels eines Plans sich und ihre Angelegenheiten ordnen, die übrigen gehen nicht, sondern werden in der Art derer, die in Flüssen schwimmen, getragen. Von diesen Flüssen hält das eine Gewässer sanfter zurück und trägt weicher, das andere rafft heftiger fort, das eine legt, wenn der Lauf erschlafft, am nächsten Ufer ab, das andere wirft als reißende starke Strömung ins Meer hinaus. Deshalb muss festgelegt werden, was wir wollen, und darauf muss beharrt werden.


2015-12-24 15:27:00