Zur Behandlung von Sklaven (Sen. ep. 47, 1-5, 10-13a; 17)

Ich habe gerne von denen, die von dir kommen, erfahren, dass du mit deinen Sklaven freundschaftlich lebst. Dies ziemt sich für deine Klugheit, dies ziemt sich für deine Bildung: „Es sind Sklaven.“ - Aber Menschen. - „Es sind Sklaven.“ Aber Hausgenossen. - „Es sind Sklaven.“ - Aber sie sind Freunde niederen Standes. - „Es sind Sklaven.“ - Aber es sind Mitsklaven, wenn du erkennst, dass dem Schicksal beiden gegenüber ebenso viel erlaubt ist.

Deshalb lache ich über diejenigen, die es für schädlich halten, mit ihren Sklaven zu essen. Warum, wenn nicht, weil eine überaus hochmütige Gewohnheit den speisenden Herrn mit einer Schar stehender Sklaven umgeben hat? Jener isst mehr als er fasst und mit gewaltiger Gier belädt er seinen Magen, der ganz angefüllt und die Aufgabe eines Magens schon nicht mehr gewohnt ist, sodass er mit größerer Mühe als er es zugeführt hat alles wieder von sich gibt.

Aber dazu ist es den unglücklichen Sklaven nicht einmal erlaubt, die Lippen zu bewegen, dass sie sprechen. Mit der Rute wird jedes Gemurmel unterdrückt und nicht einmal Zufälliges ist von den Schlägen ausgenommen: Husten, Niesen, Schlucken; die durch irgendeinen Laut gestörte Stille wird durch großes Übel gebüßt. Die ganze Nacht stehen sie nüchtern und stumm.

So geschieht es, dass diese über ihren Herrn sprechen, denen es nicht erlaubt ist, in Gegenwart ihres Herrn zu sprechen. Aber jene, die nicht nur in Abwesenheit der Herren, sondern auch mit ihnen selbst reden durften, deren Mund nicht gestopft wurde, waren dazu bereit, das Genick für den Herrn hinzuhalten, um die drohende Gefahr auf ihr eigenes Haupt abzuwenden. Bei den Gastmählern sprachen sie, aber bei den Foltern schwiegen sie.

Hierauf wird eine Redensart vorgebracht, die den gleichen Hochmut beweist: Du hast so viele Sklaven wie du Feinde hast. Wir haben jene nicht als Feinde, sondern wir machen sie dazu. Inzwischen übergehe ich andere Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten, nämlich dass wir sie nicht einmal als Menschen, sondern wie Zugtiere missbrauchen. Wenn wir uns zum Essen niedergelegt haben, entfernt der eine [gespuckte9 Auswürfe, der andere sammelt die Überreste der Betrunkenen gebückt .

(…)

Du wirst bedenken, dass derjenige, den du deinen Sklaven nennst, aus denselben Samen entstanden denselben Himmel genießt, ebenso atmet, ebenso lebt und ebenso stirbt! Du kannst jenen so als freigelassen betrachten wie jener dich als Sklave. Das Schicksal drückte viele Hochwohlgeborene mit der Niederlage des Varrus nieder, die sich durch den Kriegsdienst den Senatorenrang erhofften, den einen von jenen machte es zum Hirten, den anderen zum Wächter einer Hütte. Schätze nun den Menschen dieses Schicksals gering, in welches du hinübergehen kannst, während du [ihn] verachtest!

Ich will mich nicht in ein riesiges Kapitel einlassen und über den Umgang mit Sklaven diskutieren, zu welchen wir am überheblichsten, am grausamsten und am beleidigensten sind. Folgendes ist demnach das Wesentliche meiner Weisung: Du sollst mit einem Untergebenen so leben, wie du willst, dass ein Höhergestellter mit die lebt. Sooft es dir in den Sinn kommt, wie viel dir gegenüber einem Sklaven erlaubt ist, möge es dir auch in den Sinn kommen, dass deinem Herrn ebenso viel gegenüber dir erlaubt ist.

„Aber ich“, sagst du, „habe keinen Herrn.“ Du bist im besten Lebensalter, vielleicht wirst du mal einen haben. Weißt du nicht, in welchem Alter Hecuba begann, in Knechtschaft zu leben, in welchem Krösus, in welchem die Mutter des Dareius, in welchem Platon, in welchem Diogenes?

Lebe mit deinen Sklaven gnädig und auch freundlich, ziehe ihn zum Gespräch, zur Beratung und zur Gesellschaft hinzu.

(…)

„Er ist ein Sklave.“ - Aber vielleicht frei im Geist. - „Er ist ein Sklave.“ - Wird ihm dies schaden? Zeige auf, wer es nicht ist: Einer dient seinem Verlangen, der andere seiner Habgier, ein anderer seinem Ehrgeiz. Alle sind Sklaven ihrer Hoffnung, alle sind Sklaven ihrer Furcht. Ich werde dir einen Altkonsul nennen, der einer alten Frau dient. Ich werde dir einen reichen Mann zeigen, der Sklave einer jungen Sklavin ist. Ich werde dir überaus vornehme junge Männer zeigen, die Sklaven von jungen Männern sind. Keine Sklaverei ist schändlicher als freiwillige Sklaverei. Daher gibt es keinen Grund, dass dich diese Dünkelhaften abschrecken, dass du dich deinen Sklaven heiter zeigst und nicht hochmütig als Höhergestellter. Sie sollen dich lieber verehren als fürchten.


2015-12-24 17:42:46